Venezuela: Bitcoin-Mining soll marodes Stromnetz finanzieren
Eine Analyse schlägt vor, verlorene Energie aus Wasserkraftwerken zu monetarisieren, um den Wiederaufbau der Infrastruktur zu finanzieren – ein Modell mit globalen Parallelen.
Veröffentlicht
7. April 2026

Das venezolanische Stromnetz ist ein Paradox: Während das Land theoretisch genug Energie produziert, erreicht ein Großteil nie die Verbraucher. Von den 100 Megawatt, die das größte Wasserkraftwerk Simón Bolívar (Guri) erzeugt, kommen nach Angaben des mit der Mining-Firma Luxor verbundenen Analysen Alessandro Cecere nur etwa 40 MW bei zahlenden Kunden an. Der Rest – rund 60% – geht in der veralteten und vandalisierten Übertragungsinfrastruktur verloren.
Cecere schlägt vor, diese Verschwendung zu monetarisieren. Sein Konzept: Bitcoin-Mining als „flexible Last“ direkt an den Kraftwerken wie Guri oder Caruachi zu installieren. Die Rechenzentren würden den überschüssigen Strom verbrauchen, den das Netz nicht transportieren kann, und sich sofort abschalten, sobald die Nachfrage aus Haushalten steigt.
Ein technisches Problem mit wirtschaftlicher Lösung
Unabhängige Ingenieursberichte und Schätzungen von Siemens Energy und General Electric bestätigen das Ausmaß des Problems. Mehr als 60% der Komponenten im 765-kV-Hochspannungsnetz haben ihre Lebensdauer überschritten. Gleichzeitig kann ein erhebliches Potenzial im Fluss Caroní nicht genutzt werden, weil die Leitungen fehlen. Der Diebstahl von Kupferkabeln und Vandalismus verschärfen die Lage.
„Die Bitcoin-Mining geht dem Netz voraus. Sie fängt die Energie auf, die das Netz verliert oder nicht transportieren kann“, erklärt Cecere. Die so generierten Einnahmen in Bitcoin könnten direkt in die dringend benötigte Modernisierung der Infrastruktur fließen. Ein ähnlicher Ansatz wird im erdölreichen Bundesstaat Zulia verfolgt, wo abgefackeltes Begleitgas zur Stromerzeugung für Mining-Anlagen genutzt werden soll.
Globale Vorbilder und regulatorische Schritte
Das Modell ist nicht neu. In Texas, Finnland oder Norwegen stabilisieren Mining-Farmen bereits Netze, indem sie überschüssige Energie aus Wind- oder Solarparks aufnehmen. Ein prominentes Beispiel ist der Virunga-Nationalpark in der Demokratischen Republik Kongo, wo Mining-Einnahmen nach dem Zusammenbruch des Tourismus die Gehälter der Ranger sicherten.
In Venezuela könnte ein externer Faktor den Plan beschleunigen: Die US-Lizenzen OFAC GL 48A und 49A aus dem März 2026 erlauben es amerikanischen Unternehmen erstmals seit Jahren wieder, Dienstleistungen für den venezolanischen Energiesektor zu erbringen. Dies könnte privates Kapital für Infrastrukturprojekte und Mining-Installationen mobilisieren.
Parallel dazu hat die venezolanische Handelskammer Cavecom-e einen Fachausschuss gebildet, um die Wiederbelebung des industriellen Bitcoin-Minings zu prüfen. Das Ziel ist ein geordneter Wiedereinstieg unter klaren Regeln, der die Stromversorgung der Haushalte nicht gefährdet.
Skepsis und Potenzial
Kritiker befürchten, dass die Fokussierung auf Mining-Projekte von der dringenden Sanierung des Netzes für die Bevölkerung ablenken könnte. Die technische Realität bleibt jedoch bestehen: Mit einer installierten Kapazität von 16.000 MW im Caroní-Gebiet, von der nur 8.500 MW tatsächlich übertragen werden können, verschwendet Venezuela täglich potenzielle Einnahmen in Millionenhöhe.
Für Anleger hierzulande ist das venezolanische Beispiel vor allem eine Studie zur Anpassungsfähigkeit der Bitcoin-Mining-Industrie. Es zeigt, wie Krypto-Infrastruktur in Krisenregionen nicht nur Wert schaffen, sondern auch bestehende Assets – in diesem Fall ein nationales Stromnetz – wirtschaftlich absichern kann. Die steuerliche Behandlung solcher, oft im Ausland generierter, Mining-Erlöse bleibt für deutsche Investoren eine komplexe Frage.