EU-Kommission erwägt EU-weite Kryptosteuer
Internes Papier zeigt: Brüssel prüft Transaktionssteuer und Kapitalertragsteuer auf Krypto – mit Steuereinnahmen von bis zu 4 Milliarden Euro jährlich. Doch DeFi und Self-Custody gelten als große Hürden.
Veröffentlicht
31. Mai 2026

Bis zu vier Milliarden Euro jährlich – mit einem EU-weiten Steuermodell für Kryptowährungen ließe sich der europäische Haushalt kräftig aufbessern. Zumindest auf dem Papier. Ein internes Dokument der EU-Kommission, das am 29. Mai 2025 von Politico veröffentlicht wurde, zeigt erstmals konkrete Überlegungen, Krypto-Assets als neue Einnahmequelle für die Union zu erschließen.
Der Zeitpunkt ist bewusst gewählt: Das Papier wurde kurz vor den anstehenden Verhandlungen über den mehrjährigen EU-Finanzrahmen bekannt. Zwei Modelle stehen im Raum – und beide haben ihre Tücken.
Transaktionssteuer als Favorit – doch die Praxis ist komplex
Die vielversprechendste Variante wäre aus Sicht der Kommission eine Transaktionssteuer auf Krypto-Assets mit einem Satz von 0,1 Prozent pro Vorgang. „Für einen Impuesto sobre transacciones con criptoactivos beläuft sich die Schätzung für 2025 auf etwa 3 bis 4 Milliarden Euro jährlich“, heißt es im Dokument. Als Steuersubjekt und Meldeinstanzen wären Krypto-Dienstleister (CASPs) vorgesehen.
Weniger einträglich wäre eine Kapitalertragsteuer auf Krypto-Gewinne: Hier taxiert Brüssel das Potenzial auf zwischen einer und 2,4 Milliarden Euro pro Jahr – abhängig von der Marktlage. Stablecoins, die als Zahlungsmittel genutzt werden, wären von beiden Varianten ausgenommen, da sie preisstabil sind und kein Spekulationsmotiv bedienen.
Die Hürden: DeFi, Self-Custody und Datenlücken
Doch so verlockend die Millionenprognosen klingen – die Kommission selbst räumt im Text erhebliche Hindernisse ein. Der „Kryptomarkt lässt sich zwischen den Mitgliedstaaten weiterhin nicht zuverlässig quantifizieren“, gesteht das Papier. Die Einnahmen wären zudem „wahrscheinlich volatil“ aufgrund starker Schwankungen bei Kursen und Handelsvolumina.
Vor allem aber droht ein Behavioral Effect, der das Steueraufkommen untergraben könnte. „Nutzer würden Anreize erhalten, ihre Krypto-Assets in Self-Custody-Wallets zu halten, die schwerer nachvollziehbar sind“, warnt die Kommission. Auch DeFi-Protokolle (Dezentralisierte Finanzen) entzögen sich weitgehend den Meldepflichten von MiCA und DAC8. Wirtschaftlich gleichwertige Transaktionen könnten so einfach in unregulierte Räume abwandern.
Politische Realität: Noch weit von einer Gesetzesinitiative entfernt
Rechtsexpertin Cris Carrascosa bezeichnet das Papier als „ersten konkreten Beleg, wie Brüssel den Sektor besteuern will“ – betont aber: „Es gibt noch keinen formellen Gesetzesvorschlag.“ Eine EU-weite Steuer bräuchte Einstimmigkeit im Rat, eine harmonisierte Bemessungsgrundlage und müsste klären, ob die Union die Einnahmen selbst kassiert oder die nationalen Steuersysteme ersetzt.
Patrick Hansen, EU-Strategie-Chef bei Circle, hält die Pläne daher für kurz- bis mittelfristig unrealistisch: „Die politischen, rechtlichen und operativen Herausforderungen sind so groß, dass eine Krypto-Steuer auf EU-Ebene keine vordringliche Priorität werden dürfte.“
DACH-Perspektive: Steuerlicher Flickenteppich bleibt vorerst
Für Anleger in Deutschland, Österreich und der Schweiz bleibt damit die aktuelle Rechtslage vorerst bestehen. Während die BaFin und das Bundesfinanzministerium in Berlin die Entwicklung genau beobachten, dürfte ein EU-weiter Vorstoß ohne Lösung für DeFi und Self-Custody als politisch nicht durchsetzbar gelten. Steuerpflichtige im DACH-Raum sollten jedoch die geplante Verlängerung der DAC8-Meldepflicht für Krypto-Plattformen im Blick behalten – sie kommt unabhängig von einer neuen EU-Steuer.